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Sonntag, 5. September 2010
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Interview
Interview mit dem DFB-Präsidenten Dr. Theo Zwanziger Drucken E-Mail

von

Ekkehard Gauglitz - Vorsitzender des CDA-Bezirksverbandes Koblenz-Montabaur

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Ekkehard Gauglitz:
Welche Rolle spielen die Vereine in der heutigen Gesellschaft?

Dr. Theo Zwanziger:
Sportvereine leisten nicht nur einen erheblichen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge, zur Gewalt- und Suchtprävention und zur Persönlichkeitsentwicklung, sondern unterstützen in besonderer Weise auch das friedliche und faire Miteinander unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen. Die gemeinsame Begeisterung für den Sport ist ein wichtiges Element, um hilfreiche Perspektiven zu schaffen, Toleranz und Respekt zu üben sowie Brücken zu bauen zwischen Menschen verschiedener Herkunft, Nationalitäten und Hautfarbe. Darüber hinaus bieten die Vereine vor allem Kindern und Jugendlichen Gelegenheit zu sinnvoller Freizeitbeschäftigung.
Vereinsarbeit bietet die Möglichkeit, Gemeinschaftsleben und Gemeinschaftsentwicklung mit gestalten zu können und die Dankbarkeit von Kindern und Jugendlichen zu spüren, die man auf ihrem Lebensweg ein Stück weit in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen kann.

Ekkehard Gauglitz:
Welche Rolle kommt hierbei dem Spitzensport zu?

Dr. Theo Zwanziger:
Bezogen auf den Fußball lässt sich das wie folgt darstellen: Die Nationalmannschaft steht beim DFB nicht für sich allein, sie ist kein Selbstzweck. Sie bringt die Idole hervor, an denen sich unsere Kinder und Jugendliche orientieren, wegen derer der Nachwuchs in die Vereine drängt. Ohne den Fußball in der Spitze gibt es keinen Zuwachs in der Breite und ohne die Gelder, die wir über unsere Nationalmannschaft generieren, wären unsere Möglichkeiten für unser soziales Engagement erheblich eingeschränkt. Wenn wir also aus guten Grund mit allen Mitteln unsere Nationalmannschaft stärken, dann haben wir dabei immer auch im Blick, welche Auswirkungen dieses Engagement auf die Basis hat. Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Spitzensport und Breitensport. Im Gegenteil. Integrationsprojekte, soziales Engagement, gesellschaftliche Verantwortung, all das wäre ohne die Erfolge in der Spitze nicht vorstell- und umsetzbar.

Ekkehard Gauglitz:
Wie wichtig sind Sportler/innen als Vorbilder für die heutige Jugend und werden sie dem gerecht?

Dr. Theo Zwanziger:
Ich bin der Meinung, wir brauchen Vorbilder in allen Lebensbereichen. Albert Einstein hat einmal sagt: „ Es gibt nur eine erfolgreiche Methode, Menschen zu erziehen, nämlich durch Vorbild!" Aus dieser Einsicht erwächst Verantwortung für jeden, allerdings ganz besonders für uns Ältere, aber sicher auch für Spitzensportler, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Junge Menschen sind dankbar für Orientierung, Kinder wollen Idole, viele suchen sich die großen Sportler als ihre Vorbilder aus und versuchen ihnen nachzueifern. Sie müssen nur lernen zu erkennen: Spitzensportler sind keine Heiligen, keine Mutter Theresia oder kein Mahatma Gandhi. Gleichwohl müssen sich Menschen, die so sehr in der Öffentlichkeit stehen, ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Ein Fritz Walter hat das sicher eher beherzigt als ein Diego Maradona.

Ekkehard Gauglitz:
Ist der Sport noch menschlich - insbesondere der Leistungssport?

Dr. Theo Zwanziger:
Diese Frage ist aufgekommen insbesondere im Zusammenhang mit dem tragischen Tod unseres Nationaltorhüters Roberts Enke. Nach allem, was wir wissen, ist Robert nicht durch ein unmenschliches System im Fußball in eine auswegslose Verzweifelung geraten, sondern durch eine heimtückische Krankheit. Gleichwohl hat uns sein Selbstmord sehr nachdenklich gemacht und veranlasst, so manche Verhaltensweise im sogenannten Fußballgeschäft zu überdenken. Grundsätzlich haben wir es im Leistungssport mit Unmenschlichkeit zu tun zum Beispiel in der Dopingproblematik. Im Umfeld des Fußballs treffen wir auf Unmenschlichkeit bei Gewaltexzessen von Fangruppierungen. Diese sind aber nicht sportimmanent, sondern vor allem auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen zurückzuführen. Glücklicherweise erleben wir aber auch immer wieder Gesten großer Menschlichkeit im Sport, ich denke da an den freundschaftlichen und aufmunternden Handschlag Oliver Kahns mit Jens Lehnmann bei der WM 2006 vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien, nachdem sie zuvor monatelang in einem erbitterten Konkurrenzkampf um die Nummer 1 im Tor der Nationalmannschaft standen.

Ekkehard Gauglitz:
Wie sieht die werteorientierte Jugend- und Sozialarbeit des DFB aus?

Dr. Theo Zwanziger:
Der DFB stellt sich neben seiner Kern- und Hauptaufgabe, dass in Deutschland attraktiv und möglichst breit Fußball gespielt werden kann, auch der sozialen und gesellschaftspolitischen Verantwortung. Den Anfang haben wir hier vor vielen Jahren in der Sepp Herberger-Stiftung gemacht, hier haben wir versucht, die Sozialarbeit des DFB zu gestalten. Heute haben wir eine Grundlage gelegt, die bei klarer Positionierung unserer Kernaufgabe im DFB soziale Verantwortung sichtbar macht. Neben der Sepp Herberger-Stiftung ist in diesem Zusammenhang natürlich auch die DFB-Stiftung Egidius Braun, die DFB-Kulturstiftung und seit diesem Jahr auch die Robert-Enke-Stiftung zu nennen.

Im Allgemeinen sollten Spieler bereits im Kindesalter für Fairplay im Sport sensibilisiert werden. Darüber hinaus denke ich, dass Eltern, Trainer und Betreuer ein allgemeines Interesse daran haben, den Nachwuchs vor eventuellen Gefahren und Versuchungen zu bewahren. In diesem Zusammenhang besteht seitens des Deutschen Fußball-Bundes eine schon länger währende Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wobei wir insbesondere die Initiative „Kinder stark machen" unterstützen, die unter anderem darauf abzielt, Kindern und Jugendlichen Lebenskompetenzen anzubieten, die ein drogenfreies Leben ermöglichen.
Mit den vom DFB geförderten 1.000 Minispielfeldern, die deutschlandweit überwiegend auf Schulgeländen in der Nähe von Sportvereinen entstanden sind, haben wir Räume und Orte geschaffen, an denen sich Kinder und Jugendliche aller gesellschaftlichen Gruppierungen begegnen können.
Im Hinblick auf die Frauen-WM 2011 im eigenen Land initiieren wir Wettbewerbe, um insbesondere den Mädchenfußball und damit auch die Integration von Mädchen mit Migrationshintergrund zu stärken. Hier erleben wir bei Schulen und Vereinen ein starkes Interesse an unseren Angeboten. Wir sind also sehr vielschichtig aufgestellt, um auch für die Integration etwas zu tun und etwas in Bewegung zu setzen.

Ekkehard Gauglitz:
Kann eine Erziehung im und durch den Sport erfolgen?- Wenn JA, wie kann diese aussehen?

Dr. Theo Zwanziger:
Menschen werden nicht nur in Familien erzogen, sondern in Schulen, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Unternehmen und auch in Sportvereinen. Bildung und Erziehung ist wie Wirtschaften eine gesamtgesellschaftliche, immer wirkende Funktion, an der alle beteiligt sind. Aus Studien wissen wir, dass Trainer oft wichtigere Bezugspersonen sind als Lehrer oder Pfarrer. Die Werte, die wir in unserem Sport vermitteln können, sind so vielfältig wie der Fußball selbst, weil in unserem Sport ständig die Dramaturgie des Lebens sichtbar wird. Bei einem Fußballspiel erleben wir den Umgang mit Glück und Angst, Hoffnung und Enttäuschung, Freude und Scheitern. Wir erleben und erleiden dies alles, wie sonst nur in Jahren oder Jahrzehnten. Im Fußball haben wir die Chance, die Achtung vor dem Anderen, seine Gleichwertigkeit, Respekt und Fairness nicht nur zu betonen, sondern zu leben. Auch Zivilcourage gehört dazu, genauso wie das klare Bekenntnis zu Defiziten und Fehlentwicklungen in den eigenen Reihen.

Ekkehard Gauglitz:
Sport und Schule: Welche Möglichkeiten ergeben sich aus Ihrer Sicht aus der Ganztagsschule im Hinblick auf das Einbinden der Vereine und welche Gefahren entstehen für Vereine durch die Ganztagsschule?

Dr. Theo Zwanziger:
Ganztagsschulen sind zum einen die große Chance, unseren Sport in der Schule fest zu installieren, für Vereine, die das nicht wollen oder können, besteht die große Gefahr, dass sie den Nachwuchs verlieren, wenn die Kinder erst spät abends nach Hause kommen und nachmittags schon Sport in der Schule hatten. Ich habe schon häufig darauf hingewiesen, dass es nicht leichter werden wird, Teamsportarten in Zukunft erfolgreich zu betreiben. Der DFB und die Landesverbände haben viele Förder- und Qualifizierungsprogramme auf den Weg gebracht, gleichwohl wird Erfolg nur dann eintreten können, wenn sich die Vereine attraktiv und flexibel zeigen und dazu zählt die verstärkte Kooperation mit den Schulen.

Ekkehard Gauglitz:
Wie soll nach Ihrer Ansicht die Zukunft des deutschen Breitensports aussehen? Die Kommunen haben kaum noch Geld, die Schwimmbäder und Sportstätten in Stand zu halten und unsere Kinder bewegen sich immer weniger.

Dr. Theo Zwanziger:
Was den Sportstättenbau angeht, führt kein Weg daran vorbei, dass die Politik bereit ist, den Sport als öffentliche Aufgabe zu begreifen und entsprechend zu fördern. Eine moderne Sportanlage fördert das Gemeinschaftsgefühl von Vereinsmitgliedern und stärkt damit die Vereinsbindung. Ansonsten müssen sich die Verantwortlichen darüber bewusst sein, dass der Vereinssport in den Gemeinden nicht mehr so im Mittelpunkt steht wie das vielleicht vor 30 oder 40 Jahren der Fall gewesen sein mag. Hierauf müssen die Vereine mit Flexibilität reagieren. Kinder in Bewegung zu bringen, halte ich aber zunächst einmal für eine Aufgabe des Elternhauses.

Ekkehard Gauglitz:
Würden Sie bitte in einem kurzen Resümee darstellen, welche Ziele Sie in Ihrer Amtszeit als Präsident des DFB erreicht haben?

Dr. Theo Zwanziger:
Bei uns werden keine Ziele abgehakt, sondern Entwicklungen vorangetrieben. In meiner Amtzeit durften wir zum Beispiel die Früchte der intensiven Talentförderung ernten, die mein Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder mit großem Engagement auf den Weg gebracht hat, als wir im vergangen Jahr in drei Altersklassen gleichzeitig den Europameistertitel errungen haben. Ansonsten denke ich, hat sich der DFB in den vergangenen Jahren in seinem Bekenntnis zu einem wertorientierten Sport im Kampf gegen Korruption, im Kampf gegen Diskriminierung ein gutes Stück weiterentwickelt und im Bereich der Qualifizierung viele nachhaltige Maßnahmen initiiert.

Ekkehard Gauglitz:
Was sind Ihre Pläne als DFB-Präsident für die kommenden Jahre?

Dr. Theo Zwanziger:
Ein Höhepunkt wird natürlich die Frauen-WM 2011 im eigenen Land sein. Danach werden wir nicht nur Bilanz ziehen, sondern die Impulse dieses Events nutzen und daran arbeiten, die erfreuliche Entwicklung im Frauenfußball weiter zu fördern. Die demographische Wandlung ist eine große Herausforderung. Hier gilt es, in enger Zusammenarbeit mit unseren Landesverbänden unsere Vereine zu begleiten und mit ihnen nach Lösungen zu suchen, um negative Auswirkungen zu vermeiden. Daneben bleibt natürlich die Nationalmannschaft als unser großes Aushängeschild ein ständig spannendes Thema. Letztendlich wollen wir den Fußball nutzen, um etwas Gutes für die Gesellschaft zu tun.


 

 
 

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